Ärztin mit Kollegen
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Ärztinnen werden strukturell benachteiligt

/ KTM-Redaktion / Umfrage

Die deutsche Ärzteschaft hat einen historischen Wendepunkt erreicht: Laut Bundesärztekammer sind erstmals über 50 Prozent der Berufstätigen weiblich. Die Auswertungen des neuesten Gehaltsreports 2025 und dem aktuellen Stimmungsbarometer des Ärztenetzwerks ‚coliquio‘ lassen das Bild einer Berufsgruppe erkennen, in der Ärztinnen strukturell benachteiligt werden – finanziell wie organisatorisch.

Große Gehaltslücke zwischen Ärzten und Ärztinnen

Zwar liegt nach Angabe der Befragten das durchschnittliche Bruttojahresgehalt über alle Fachgruppen hinweg bei soliden 155.300 Euro. Doch der Durchschnitt verdeckt eine tiefe Kluft zwischen den Geschlechtern. Während Ärzte im Schnitt 182.100 Euro erzielen, kommen Ärztinnen nur auf 114.800 Euro – eine Differenz von rund 67.300 Euro jährlich.

Besonders alarmierend: Dieser ‚Gender Pay Gap‘ lässt sich nicht allein durch die höhere Teilzeitquote bei Frauen (46 Prozent vs. 18 Prozent bei Männern) erklären. Selbst im direkten Vergleich von Vollzeitkräften verdienen Ärztinnen im Schnitt 32 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (138.600 Euro gegenüber 203.700 Euro).

Diese Zahlen korrelieren stark mit der gefühlten Realität. Ein ‚Stimmungsbarometer‘ zeigt, dass sich Ärztinnen signifikant häufiger unfair vergütet fühlen als Ärzte. „Die Medizin ist weiblich geworden, aber die Karrierestrukturen und Vergütungsmodelle bilden diese Realität oft noch nicht ab“, so die coliquio-Redaktion zu den Ergebnissen. „Ärztinnen sind eine tragende Säule der Versorgung. Dennoch berichten sie überproportional oft von fehlender Wertschätzung und strukturellen Hürden.“

Systemischer Burnout: Belastung eint die Geschlechter

Unabhängig vom Geschlecht zeigt das Stimmungsbarometer, dass die Belastungsgrenze vielerorts erreicht ist. 57 Prozent der Ärztinnen und Ärzte empfinden ihre Arbeitslast als ‚hoch‘ oder ‚sehr hoch‘. Die Ursachen verorten die Befragten nicht bei sich selbst, sondern im System. Die Top-Stressfaktoren sind:

  • ,Luftarbeit‘: Überbordende Bürokratie und Dokumentationspflichten rauben Zeit für die Medizin.
  • Personalmangel: Fehlende Fachkräfte in Pflege und Praxismanagement erhöhen den Druck auf das ärztliche Personal.
  • IT-Frust: Statt zu entlasten, sorgt eine instabile digitale Infrastruktur (Stichwort: TI-Ausfälle) für zusätzlichen Stress.

Der Report liefert zudem detaillierte Einblicke in die Verdienstmöglichkeiten nach Fachrichtung und Standort. Wer in der Augenheilkunde, Radiologie oder Kardiologie tätig ist, liegt gehaltlich demnach weit vorne. Am unteren Ende der Skala finden sich Fachgebiete wie die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Baden-Württemberg führt das Gehaltsranking mit durchschnittlich 182.000 Euro an, während Ärztinnen und Ärzte in Berlin (131.100 Euro) und Sachsen-Anhalt (130.100 Euro) deutlich weniger verdienen.

Die Ergebnisse der beiden Reports seien ein ‚Weckruf‘, so die Autoren – nicht nur für die Gesundheitspolitik, sondern auch für Healthcare-Unternehmen. Wer Ärztinnen und Ärzte erreichen wolle, müsse verstehen, dass die Zielgruppe heterogener und belasteter sei als oft angenommen. Der Wunsch nach ‚weniger Papierkram‘, ‚fairer Vergütung‘ und ‚funktionierender IT‘ dominiere die Wunschliste der gesamten Ärzteschaft deutlich vor anderen Faktoren.