KI verändert Arbeit der Krankenhaus-Einkäufer
/ KTM-Redaktion / Interview
Wilfried von Eiff ist Leiter des Centrums für Krankenhaus-Management (Uni-Münster) und Direktor am Center for Health Care Management and Regulation an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er war Mitglied des Vorstands der Uni-Kliniken Gießen und leitender Manager in der Autoindustrie. Von Eiff ist Aufsichtsrat der Kerckhoff-Klinik (Bad Nauheim) und Präsident des Beschaffungskongresses.
Eins der Themen beim gerade zu Ende gegangenen 15. Beschaffungskongress der Krankenhäuser war Künstliche Intelligenz (KI) im Kontext der Gesundheitsversorgung und der Beschaffung. Was kommt da auf die Branche zu?
Prof. Wilfried von Eiff: KI-Systeme nehmen bereits heute Einfluss auf weite Bereiche in Wirtschaft und Gesellschaft. Gerade in der Medizin und im Gesundheitswesen sind die Potenziale von KI-Algorithmen zur Präzisierung und Beschleunigung in der Diagnostik bahnbrechend. KI-gestützte Mustervergleiche in der Dermatologie, vergleichende Befundung in der Radiologie und die gezielte Interpretation thermographischer Patientendaten sind neben BigData-Analysen in der Neurologie effektive Anwendungsbereiche zur Verbesserung der Frühdiagnostik onkologischer Erkrankungen.
Aber: Die KI-basierte Digitalisierung weiterer Lebensbereiche wirft zunehmend ethische und regulatorische Fragen auf. Dürfen wir alles, was wir können – und was passiert, wenn KI-Algorithmen ideologisch trainiert werden? Auch der Beschaffungsbereich im Gesundheitswesen wird erheblich betroffen sein, denn KI-Algorithmen nehmen bereits heute massiven Einfluss auf die Plattform-Ökonomie und ermöglichen es, Entscheidungsprozesse in deutlich kürzerer Zeit und mit höherer Qualität abzuschließen.
Wo sehen Sie KI in der Beschaffung als sinnvolles Instrument?
Die Bandbreite der Nutzung von KI-Tools im Beschaffungsmanagement reicht von der Beschleunigung und Qualifizierung von Ausschreibungsprozessen über Bedarfsplanung und Lageroptimierung bis hin zur Entwicklung kompletter Ausstattungskonzepte für OP- und Funktionsräume.
Als besonders effektiv hat sich KI als Instrument der Entscheidungsunterstützung herausgestellt. Einkäufer stehen häufig vor dem Problem, eine sachlich fundierte und betriebswirtschaftlich tragfähige Auswahlentscheidung zwischen Produktalternativen zu treffen. Das Produkt soll ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen, die Akzeptanz der Mitarbeiter finden, Sicherheit für Mitarbeiter und Patienten bieten. Oft fehlen entscheidungsrelevante Informationen über Auswirkungen des Produktgebrauchs im klinischen Betrieb oder der Zugriff auf klinische und epidemiologische Fakten ist zu zeitaufwändig.
In dieser Situation bieten KI-Tools eine Entscheidungshilfe, insbesondere wenn mehrere Kriterien wie Preis, Folgekosten, Prozesskosten sowie Anwendungsrisiken für Patient und Personal berücksichtigt werden sollen. Hier kann man mit Hilfe von KI eine ‚Total Cost of Ownership‘-Analyse durchführen und die verborgenen Kosten eines Produkts transparent machen; Stichwort: Eisberg-Modell.
Was bedeutet das für die Einkäufer – werden die jetzt arbeitslos?
Arbeitslos werden Einkäufer durch KI bestimmt nicht. Aber die Arbeitsweise verändert sich ebenso wie Anforderungen an das Fähigkeitsprofil und das Rollenverständnis.
Der Nutzen und die Effektivität eines KI-Tools hängt wesentlich davon ab, dass der Einkäufer es gelernt hat, an die KI die der Problemstellung angemessenen Kontextinformationen zu geben und eine zielführende Fragesequenz, sogenannte ‚Prompts‘, zu entwickeln. Wichtig ist, dass der Einkäufer als „Human-in-the-Loop“ sich nicht 1:1 auf die Empfehlungen eines KI-Tools verlässt, sondern diese Empfehlungen auf Stringenz überprüft und gegebenenfalls durch Folgefragen oder Angabe von Quellenhinweisen nachjustiert. Auch ist zu beachten, dass ein KI-Tool weitergehende Aspekte einbringt, die zu Beginn des Suchprozesses gar nicht auf der Entscheidungsagenda des Einkäufers standen. So erhält man als Einkäufer bei der Frage nach dem optimalen OP-Handschuh nicht nur Informationen über Preise, Materialrobustheit und Entsorgung, sondern auch Hinweise auf latex-assoziierte Allergie-Risiken, die für Patienten und OP-Personal durch den Gebrauch von Latex-Handschuhen ausgehen und welche Folgekosten damit einhergehen.
Damit erweitert sich der Katalog der Entscheidungskriterien insbesondere um klinische und epidemiologische Indikatoren, die im bisherigen Einkaufsverfahren eine untergeordnete Rolle gespielt haben.
Welche Themen stehen für den Krankenhaus-Einkauf sonst noch im Vordergrund – und welche sind vielleicht etwas in den Hintergrund gerückt?
Nach wie vor steht das Thema Stammdaten-Management auf der To-Do-Liste der Beschaffungsmanager ganz oben, eine Aufgabe, die nur im Zusammenspiel mit Industrie und Einkaufsgemeinschaften zu bewältigen ist. Auch das Phänomen der Lieferabrisse in Verbindung mit neuen Geschäftsmodellen des Backorder Management beschäftigt die Branche.
In den Hintergrund getreten sind aktuell alle Handlungsfelder, die mit Investitionen verbunden sind oder die die ‚Out-of-Pocket-Costs‘ erhöhen. Nachhaltigkeitsmaßnahmen werden nur ergriffen, wenn sie gleichzeitig mit Kostensenkungen einhergehen und ‚Value-Based Procurement‘ bleibt ohne Anpassung der Vergütungssysteme eine Vision.
Mein Fazit: KI ist kein Job-Ersatz für Einkäufer. KI ist auch keine Allzweckwaffe für den erfolgreichen Einkäufer. KI ist für den Einkäufer ein Sparringspartner, kein absoluter Ratgeber. KI ist so effektiv wie der sie benutzende Einkäufer als Fachmann in der Lage ist, KI-Empfehlungen einer kritischen Würdigung zu unterziehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Dieser Beitrag stammt aus dem KTM-Newsletter 12/2025. Melden Sie sich hier kostenlos an, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!