Die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) setzt ein Zeichen gegen die zunehmende Bürokratie in den Krankenhäusern
Dr. Alexander Poppinga, Dr. Andreas Philippi und Helge Engelke vor der fünf Meter hohen symbolischen Bürokratiewelle. ©Ulrich Pucknat/NKG

Schneller Bürokratieabbau in Kliniken gefordert

/ KTM-Redaktion / Gesundheitspolitik

Mit einer fünf Meter hohen symbolischen Welle hat die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) Ende August in Hannover ein Zeichen gegen die zunehmende Bürokratie in den Krankenhäusern gesetzt. Die Aktion unter dem Motto „Von der Bürokratiewelle überrollt“ sollte sichtbar machen, wie sehr Ärzte und Pflegekräfte im Klinikalltag durch überbordende Dokumentationsverpflichtungen ausgebremst werden und welche negativen Folgen das für Patientenversorgung und Arbeitsbedingungen hat.

Die überdimensionale Welle – bestehend aus Kartons, Aktenordnern, Formularen und Gesetzestexten – steht sinnbildlich für die immer größer werdende Last an Dokumentations- und Berichtspflichten, die sich in den vergangenen Jahren im Gesundheitswesen angehäuft hat. Was ursprünglich der Qualitätssicherung dienen sollte, habe sich zu einem strukturellen Hindernis entwickelt, so die NKG. Immer mehr Zeit werde für Papierkram aufgewendet, immer weniger für den direkten Kontakt mit den Patienten. Durch die anstehende Krankenhausreform befürchten viele Kliniken sogar noch mehr Bürokratie, auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat auf diese Gefahr regelmäßig hingewiesen. Ohne Korrekturen am Gesetz müssten allein in Niedersachsen für Dokumentationspflichten, Prüfungen des Medizinischen Dienstes und die Vorhaltefinanzierung im Zuge der Reform mehr als 500 Vollzeitkräfte zusätzlich nur für die Bürokratie arbeiten und somit in der Patientenversorgung fehlen, schätzt die NKG. Schon heute würden Ärzte und Pflegekräfte in niedersächsischen Krankenhäusern durchschnittlich rund drei Stunden täglich mit Dokumentationsarbeiten verbringen. Wenn die bürokratische Arbeit um nur eine Stunde verringert würde, ständen rechnerisch mehr als 1.700 Vollkräfte im ärztlichen und etwa 4.000 Vollkräfte im Pflegedienst zusätzlich zur Verfügung. Deutschlandweit geht die DKG für Dokumentationspflichten, MD-Prüfungen und Vorhaltefinanzierung von rund 5.000 zusätzlich benötigten Vollzeitkräfte aus und schätzt die drohenden Mehrkosten auf etwa 435 Millionen Euro jährlich.

Die NKG richtete vor diesem Hintergrund einen eindringlichen Appell an die Landes- und Bundespolitik. Verbandsdirektor Helge Engelke unterstrich die Notwendigkeit eines radikalen Umdenkens: „Die bürokratischen Anforderungen wachsen kontinuierlich, während bestehende Pflichten kaum hinterfragt werden. Diese Entwicklung wirkt sich negativ auf die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern und die Versorgung aus. Wir brauchen eine klare Strategie zum Bürokratieabbau. Weniger Kontrolle um der Kontrolle willen und mehr Vertrauen in die Fachkompetenz des Personals in den Kliniken sind unerlässlich. Statt immer neuer Nachweispflichten bedarf es eines entschlossenen politischen Willens zum Bürokratieabbau. Es geht darum, unsere Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie wirklich gebraucht werden: in die Patientenversorgung.“

Niedersachsens Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (SPD) betonte: „Weder Patientinnen und Patienten noch dem Personal in den Krankenhäusern lässt sich in Zeiten des Fachkräftemangels logisch erklären, weshalb ein beträchtlicher Teil der Arbeitszeit aus vermeidbaren Verwaltungsaufgaben besteht. Deshalb haben wir uns als Niedersächsische Landesregierung bereits mehrfach gegenüber dem Bund für einen Bürokratieabbau stark gemacht. Denn um landesseitig entlastende Maßnahmen umzusetzen, braucht es zuvor eine Änderung der bundesweiten Regelungen. Ich freue mich über die konstruktive Zusammenarbeit mit der NKG und sichere allen Beteiligten zu, mich auf Bundesebene weiterhin für eine Entlastung bei den bürokratischen Tätigkeiten einzusetzen. Hierzu zählen etwa die Reduzierung von Dokumentationspflichten, die Vereinfachung von Antragsverfahren oder die Vermeidung von überflüssigen Parallelstrukturen.“

Im Rahmen der Aktion übergab NKG-Verbandsdirektor Helge Engelke dem niedersächsischen Gesundheitsminister konkrete Vorschläge und Forderungen für einen schnellen und wirksamen Bürokratieabbau. Zu den zentralen Forderungen der NKG zählen eine vereinfachte Personalbemessung, deutlich schlankere Berichtspflichten sowie ein auf das Wesentliche reduziertes Prüfverfahren des Medizinischen Dienstes einschließlich der kritischen Überprüfung bestehender Dokumentationspflichten und des Abbaus redundanter Kontrollprozesse. Darüber hinaus spricht sich die NKG für die Abschaffung des Bundes-Klinikatlas und der damit verbundenen umfangreichen Datenlieferpflichten aus. Eine Qualitätssicherung, die sich auf den tatsächlichen Nutzwert konzentriert, sowie die schnellere Anerkennung internationaler Fachkräfte sollen zusätzlich zur spürbaren Entlastung der Kliniken und ihrer Mitarbeitenden beitragen.