Hilfsmittel: Bürokratische Hürden als größtes Standortrisiko
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Standortrisiko Bürokratie

/ KTM-Redaktion / Medizintechnik

Die European Manufacturers Federation for Compression Therapy and Orthopaedic Devices (eurocom) hat im Sommer ihre jährliche Mitgliederbefragung durchgeführt – und die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Einhundert Prozent der Befragten bewerten bürokratische Hürden mittlerweile als größtes Standortrisiko. 89 Prozent – elf Prozent mehr als im Vorjahr und seit Jahren steigend – betrachten das Innovationsklima in Deutschland als schlecht. Und 70 Prozent der Mitgliedsunternehmen (+27 Prozent im Vorjahresvergleich) haben inzwischen Nachwuchssorgen. „Bürokratische Hürden belasten den Hilfsmittelstandort Deutschland massiv. Die negative Einschätzung des Innovationsklimas weitet sich aus und der Fachkräftemangel bereitet zunehmend Sorgen. Soll eine verlässliche Versorgung der Versicherten mit innovativen und hochwertigen Hilfsmitteln „Made in Germany“ weiterhin möglich sein, sehen wir dringenden Handlungsbedarf. Es gilt, die Zukunftsfähigkeit von Standort und Markt zu sichern,“ so Oda Hagemeier, Geschäftsführerin des Verbandes.

Andererseits ist der Standort Deutschland für die Hilfsmittelbranche bislang unverzichtbar: 80 Prozent der Verbandsmitglieder produzieren in Deutschland. Drei Viertel der mittelständischen Betriebe – überwiegend Familienunternehmen – haben hier ihren Hauptsitz. Dieser Status Quo erweise sich jedoch als fragil, wenn sämtliche Unternehmen Deutschland wegen bürokratischer Hürden als riskanten Standort einschätzen würden, hieß es.

Als eine besonders große bürokratische Belastung wirkt sich die EU-Regulatorik für Medizinprodukte aus, allen voran die Medical Device Regulation (MDR) für 73 Prozent der Befragten – und zwar hauptsächlich wegen unklarer Vorgaben und uneinheitlicher Auslegung auf EU- und nationaler Ebene. Das sagen 86 Prozent der Befragten. Deutlich spürbar wird das für fast alle Unternehmen (97 Prozent) durch gestiegene Kosten seit Einführung der EU-Regulatorik und damit einhergehende Wettbewerbsnachteile gegenüber Nicht-EU-Staaten. Für Hagemeier folgt daraus: „Bürokratieabbau ist das Gebot der Stunde. Denn regulatorische Hürden gefährden die Zukunft des Hilfsmittelstandorts Deutschland. Insbesondere mit Blick nach Brüssel muss sich die Bundesregierung für eine schnelle Überarbeitung der MDR einsetzen. Entlastungspotenzial sehen wir beispielsweise in der sachgerechten Senkung der Anforderungen an die klinische Bewertung für Medizinprodukte der niedrigsten Risikoklasse I.“

Das größte Innovationsrisiko stellt zum wiederholten Mal das unsichere Aufnahmeverfahren neuartiger Produkte ins Hilfsmittelverzeichnis dar – das gilt für 75 Prozent der Befragten. Nahezu alle Mitglieder (96 Prozent) investieren in Forschung und Entwicklung. Innovations- und Marktrisiken bremsen jedoch den Fortschritt und beeinträchtigen die Attraktivität des deutschen Marktes. Wie bereits im Vorjahr ist Deutschland laut der Ergebnisse für ein Fünftel der Befragten nicht mehr wichtigster Markt.

Negativ wirken sich auch Kostensteigerungen, die nicht an den Markt der gesetzlichen Krankenversicherung weitergegeben werden können, aus. Über ein Drittel der Befragten (37 Prozent gegenüber 25 Prozent im Vorjahr) können diese einmal teilweise weitergeben. Die damit einhergehende Unwirtschaftlichkeit der Hilfsmittelproduktion (93 Prozent) könnte Konsequenzen für die Versorgungsvielfalt haben: Drei Viertel (74 Prozent) der Hilfsmittelhersteller denken bei unveränderten Marktbedingungen darüber nach, ihr Portfolio einzuschränken. 93 Prozent (2024: 86 Prozent) sehen es daher als geboten, Festbeträge regelmäßig marktgerecht anzupassen. Diese befänden sich teilweise noch auf dem Niveau von 2017, so Hagemeier.

Mehr als zwei Drittel (71 Prozent) der Hilfsmittelhersteller bilden in verschiedensten Berufsfeldern aus: gewerblich und technisch, im kaufmännischen Bereich und in der IT, in Produktion, Lagerwirtschaft und Logistik oder auch gekoppelt an duale Studiengänge. Dabei können fast alle Unternehmen ihre Azubis übernehmen und mindestens 80 Prozent von ihnen nach erfolgreicher Ausbildung eine berufliche Perspektive bieten. Gleichzeitig bleibt bei 38 Prozent der Ausbildungsbetriebe durchschnittlich nahezu jede dritte Stelle (30 Prozent) unbesetzt. Betrachten 67 Prozent der Befragten den Nachwuchsmangel im Sanitätsfachhandel und in den orthopädietechnischen Betrieben bereits jetzt als Standortrisiko, so rechnen 70 Prozent (im Vergleich zu 43 Prozent im Vorjahr) innerhalb der nächsten fünf Jahre mit einem Nachwuchsmangel im eigenen Unternehmen. Hagemeier: „Der Fachkräftemangel hat sowohl Leistungserbringer als auch die Industrie voll erfasst.“