Virtual Reality im Motorik-Labor
/ KTM-Redaktion / Digitalisierung
Ein ebener Fußboden – und doch geht ein Kind plötzlich vorsichtiger, breiter oder schneller: Im Motoriklabor der Kinderklinik St. Marien arbeiten Studierende der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Landshut daran, den Laborraum mittels VR-Brillen (Virtuelle Realität) in eine naturinspirierte Umgebung zu verwandeln, um im zweiten Schritt gemeinsam mit dem Klinikteam zu erproben, wie sich das Gangbild von Kindern verändert, wenn sie glauben, auf einem anderen Untergrund oder in einer anderen Umgebung unterwegs zu sein.
Ein erstes Poster der Hochschule zum Projekt wurde am 2. Juli beim Innovationsforum Medizintechnik an der Hochschule Landshut vorgestellt; nun folgen praktische Testtermine direkt im Motoriklabor – mit HAW-Studierenden und ‚Demo-Kindern‘.
Das Motoriklabor ist seit April 2024 in Betrieb und gilt als das einzige klinische 3D-Motoriklabor Niederbayerns sowie als die einzige Kinderklinik im deutschsprachigen Raum mit einem markerlosen 3D-Motion-Capture-System im klinischen Einsatz. Auf einer 14 Meter langen Gehstrecke erfassen elf Kameras, vier Kraftmessplatten, Oberflächen-EMGs und eine Fußdruckmessplatte die Bewegungen der Kinder in feinsten Details. Das Labor ist spendenfinanziert entstanden und arbeitet in der Forschung eng mit der Hochschule Landshut, dem Ganglabor der Kinderklinik Olgahospital am Klinikum Stuttgart und dem Ganglabor des Klinikum Bayreuth zusammen.
In dem neuen VR/AR-Projekt geht es darum, wie Kinder auf virtuell simulierte Umgebungen wie z.B. Wiese, Schotterweg, einen Steg oder Bäume reagieren – und ob sich daraus neue Erkenntnisse für die Bewegungsanalyse oder die Motivation in der Physiotherapie ableiten lassen.

Blick in die virtuelle Realität im Motoriklabor
„Spannend ist, ob wir Dank der virtuellen Welt in ein und demselben Raum unterschiedliche Umgebungen ‚real‘ werden lassen können. Wenn dies funktioniert, dann könnten wir einen noch besseren Einblick bekommen, wo und warum ein Kind im Alltag, z.B. beim Gehen Schwierigkeiten hat und somit Therapien gezielter gestalten. Wir hätten ein ergänzendes Tool für Diagnostik und Therapie; gepaart mit hoher intrinsischer Motivation“, sagt Katharina Nirmaier, die Leiterin des Motoriklabors.
„Für uns ist das Ganglabor der Kinderklinik ein ideales Testumfeld“, so Prof. Dr. Christopher Auer, Professor für Mixed Reality an der Hochschule Landshut und wissenschaftlicher Projektpartner des Motoriklabors am SPZ der Kinderklinik St. Marien. „Die Studierenden entwickeln eine kindgerechte virtuelle Welt und müssen dabei zugleich die besonderen Anforderungen der klinischen Ganganalyse berücksichtigen sowie die technischen Herausforderungen der VR-Anwendungsentwicklung meistern. Die vorgegebene Gehstrecke, Start- und Endmarkierungen sowie räumliche Begrenzungen werden durch virtuelle Elemente wie Zäune, Steine, Tiere oder verschiedene Untergründe visualisiert. Gleichzeitig ist sicherzustellen, dass Hände, Arme und Beine des Kindes mittels einer Art „Tiefenfilter“ auch in der virtuellen Umgebung jederzeit sichtbar bleiben.“
Die internationale Forschung liefert bereits Hinweise darauf, dass Kinder mit Gangauffälligkeiten alltägliche Gehaufgaben – etwa das Überschreiten eines Hindernisses oder das Balancieren auf einem schmalen Steg – in virtuellen Umgebungen ähnlich bewältigen wie in der realen Welt. Das Landshuter Projekt knüpft an diesen Forschungsstand an, mit einem eigenen, lokalen Schwerpunkt im Motoriklabor der Kinderklinik.
Dieser Beitrag stammt aus dem KTM-Newsletter im September 2026. Melden Sie sich hier kostenlos an, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!