Assistenzärzte bringen Virtual-Reality in den Hörsaal

Chirurgie des Universitätsklinikums Bonn lehrt im VR-Space

Zwei Assistenzärzte der Klinik für Chirurgie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) haben ein Tool entwickelt, mit dem Medizinstudierende Lehrinhalte der Chirurgie im Virtual Reality (VR)-Space erleben können. Mit VR-Brillen ausgestattet nimmt man die Sicht des Chirurgen auf einen Patienten oder eine Patientin ein und kann so die Anatomie in der virtuellen 3D-Welt erforschen. Chirurgische Behandlungskonzepte werden auf einfache und intuitive Art verständlich.

Es hört sich futuristisch an und sieht auf den ersten Blick auch ungewohnt aus. Vier Medizinstudierende und ein Assistenzarzt stehen vorne im Hörsaal, ausgestattet mit VR-Headsets auf den Köpfen. Alle blicken ein bisschen unkoordiniert umher, drehen sich ab und zu und greifen mit ihren Händen in die Luft um sie herum. Den realen Raum können sie nicht mehr wahrnehmen. Seit dem Sommersemester 2021 halten Dr. Jan Arensmeyer und Philipp Feodorovici von der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am UKB nun schon dieses Seminar der besonderen Art.

Die beiden Assistenzärzte mit Schwerpunkt Thoraxchirurgie haben zusammen mit Oberarzt PD Dr. Philipp Lingohr und Oberarzt Dr. Nils Sommer vom Team Lehre der chirurgischen Klinik daran gefeilt, seitdem sie eine Förderung vom Land NRW für das Pilotprojekt virtuelle Lehre erhalten haben. Mit Unterstützung von Prof. Dr. Joachim Schmidt, Leiter der Thoraxchirurgie am UKB, und in enger Zusammenarbeit mit einer innovativen Software-Firma aus Zürich/Schweiz wurde seit dem ersten Einsatz des VR-Tools im letzten Semester immer wieder nachjustiert und verbessert. Mittlerweile ist die VR-Technik fast jeden Mittwoch im Hörsaal der Chirurgie zuverlässig im Einsatz und wird trotz geringer Mittel kontinuierlich weiterentwickelt.

Komplexe 2D-Darstellungen aus bildgebenden Verfahren – wie MRT oder CT – sind in der virtuellen Welt dreidimensional erlebbar. Die Studierenden erlernen die Anatomie des Skeletts, der Gefäße oder der inneren Organe künstlich dreidimensional aufgearbeitet zunächst überwiegend aus dem Lehrbuch. Später steht die Interpretation der bildgebenden Diagnostik (Röntgen, CT, MRT) im Mittelpunkt – ein Herausforderung für den ungeübten Betrachter. „Diese Lücke können wir nun schließen. Indem die Studierenden der Universität Bonn im VR-Space die Bildgebung in Echtzeit dreidimensional rekonstruiert betrachten, bearbeiten und damit die detailgetreue Sicht des Chirurgen auf den Körper eines Patienten simulieren, können sie ein gutes Verständnis für die reale Anatomie und die verschiedenen Krankheitsbilder entwickeln und erlernen somit deutlich schneller den chirurgischen Behandlungsansatz“, so Dr. Arensmeyer.

Auch der Spaßfaktor kommt beim Einsatz der VR-Brillen-Lehre nicht zu kurz. Die Studierenden benötigen wenig Einarbeitungszeit und lernen im VR-Space in entspannter Atmosphäre intuitiv mit Bildern umzugehen. Nach ersten Auswertungen befürworten weit über 90 Prozent der bisher teilnehmenden Studierenden, dass die Arbeit mit VR-Brillen dauerhaft in den klinischen Alltag und die Lehre integriert wird.

Bald soll es auch möglich sein, virtuelle Eingriffe über das Tool risikofrei zu erleben und sich mit Nutzern anderer Orte virtuell zu treffen. „Im Moment sind die VR-Einheiten noch ortsgebunden, unsere Vision für die Zukunft ist aber, dass wir die Teilnahme am VR-Unterricht auch ortsungebunden, z. B. von zu Hause aus, anbieten könne“, so Philipp Feodorovici. Auch könnten sich Expert:innen oder Dozent:innen verschiedener Kliniken in der virtuellen Welt zur Fallbesprechung und Operationsplanung eines Patienten treffen; die Studierenden könnten als Beobachter daran teilnehmen. ‚Remote learning‘, sagt Feodorovici, könne hierdurch auch in der medizinischen Ausbildung einen hohen Stellenwert erlangen.

Bild: Im VR-Space an einem 3D-Skelett (v. l.): PD Dr. Philipp Lingohr, Oberarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am UKB, mit den beiden Assistenzärzten Dr. Jan Arensmeyer und Philipp Feodorovici

Bildquelle: Universitätsklinikum Bonn (UKB)/ J.F. Saba

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