Bessere Blutkrebs-Versorgung mit Zelltherapie

Neue Zelltherapien für Blut- oder Lymphdrüsenkrebs verbessern die Heilungschancen, das Risiko von Komplikationen ist aber hoch. Das mit 4,1 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds geförderte Projekt SPIZ soll Abhilfe schaffen.

Elke Hartwig (l.) ist an Blutkrebs erkrankt und wird am Uniklinikum von Dr. Katharina Egger-Heidrich (r.) bei ihrer Therapie begleitet. Sie eine der ersten Patientinnen, die über das Projekt SPIZ nach einer Antikörpertherapie versorgt wird. ©Universitätsmedizin Dresden


Aufgrund von innovativen Zelltherapien haben sich die Heilungschancen bei Patienten mit Blut- oder Lymphdrüsenkrebs in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden ist eines von drei hämato-onkologischen Zentren in Sachsen, an denen Patienten mit einer Stammzelltransplantation oder einer CAR-T-Zell-Therapie behandelt werden können. Allerdings besteht nach diesen komplexen Therapien für die Betroffenen ein hohes Risiko für lebensgefährliche Komplikationen. Dort setzt unter anderem das Projekt SPIZ (sektorenübergreifende Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hämatologischen Erkrankungen nach innovativer Zelltherapie) an. „Ziel ist es, schwere Komplikationen rechtzeitig zu erkennen, aber lange Fahrten ins Krankenhaus zu vermeiden“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand am Uniklinikum. Nun wird die erste Patientin nach einer Antikörpertherapie (CAR-T-Zellen) über das Projekt betreut, das Versorgungslücken in Sachsen schließen soll.

Im Rahmen des neuen Nachsorgeprogramms werden insgesamt 302 Patientinnen und Patienten aus den drei sächsischen hämato-onkologischen Zentren an den Uniklinika in Dresden und Leipzig sowie am Klinikum Chemnitz in die Studie eingeschlossen, nachdem sie eine der neuartigen Zelltherapien erhalten haben. Das Einzugsgebiet beträgt bis zu 200 Kilometer, was regelmäßige ambulante Vorstellungen in der Nachsorge erschwert. „In Studien sind die Ergebnisse der innovativen Zelltherapien besser als in der Routineversorgung, was nicht zuletzt an einer effektiven Nachsorge liegen dürfte. Unser Anspruch ist es, dieses Potential der Therapien in die Versorgungsrealität vor allem im ländlichen Raum zu übertragen“, so Prof. Martin Bornhäuser, Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Dresden und Mitglied im geschäftsführenden Direktorium des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC).

SPIZ hat zum Ziel, die Patienten engmaschig und digital unterstützt unter anderem mittels App und Videosprechstunde zu betreuen, um Komplikationen nach der Zelltherapie rechtzeitig zu erkennen und die Lebensqualität der beteiligten Patienten zu erhöhen. Zugleich sollen ihnen übermäßig viele lange Fahrten für die regelmäßige Nachsorge in die Zentren erspart werden, indem abwechselnd zu den Ambulanzvorstellungen am Zentrum Hausbesuche durch onkologische Fachpflegekräfte durchgeführt werden. Am Universitätsklinikum Dresden werden in diesem Jahr etwa 80 bis 100 Blutkrebspatienten über das Programm SPIZ betreut. Weitere Patienten werden an den ebenfalls beteiligten Zentren Universitätsklinikum Leipzig und Klinikum Chemnitz behandelt. Um die Wirksamkeit zu prüfen, ist SPIZ als randomisiert kontrollierte Studie konzipiert, wobei der innovative Versorgungspfad mit der aktuellen Regelversorgung verglichen wird. Zusammen mit dem Konsortialpartner AOK PLUS wird zudem eine gesundheitsökonomische Analyse durchgeführt, um nach einer positiven Evaluation die Übertragung in die Regelversorgung zu ermöglichen.

Mittels App werden Symptome dokumentiert

Das Programm SPIZ sieht in der intensivierten Nachsorge in Ergänzung zu ambulanten Vorstellungen Video-Sprechstunden vor, um eine schnelle Abklärung von Symptomen zu ermöglichen und lange Anfahrtswege zu reduzieren. Zudem kommt eine ,Onko-Nurse‘ in regelmäßigen Abständen zu Hausbesuchen, kann den Zustand der Betroffenen vor Ort beurteilen, Blut abnehmen, Angehörige beraten und den Unterstützungsbedarf im häuslichen Umfeld einschätzen. In einer speziellen App dokumentieren die Patienten kontinuierlich Symptome und weitere wichtige Parameter. Die Daten werden an fünf Tagen pro Woche von onkologischen Fachpflegekräften ausgelesen und bei Auffälligkeiten dem ärztlichen Personal vorgelegt. Regelmäßige Online-Fallkonferenzen ermöglichen die enge Zusammenarbeit aller in die Patientenversorgung eingebundenen Akteure, etwa aus den Bereichen Sozialarbeit, Psychoonkologie, der niedergelassenen Ärzteschaft und den onkologischen Zentren. Bei Fragen und Problemen können sich die Patienten jederzeit an speziell geschulte Case-Manager wenden, die zudem alle Termine sowie die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren koordinieren.

„Wir erwarten, dass aufgrund der verbesserten Nachsorge weniger notfallmäßige Krankenhauseinweisungen erfolgen, die mit erheblichen Kosten verbunden sind. Zum anderen können durch Video-Sprechstunden lange und damit teure Anfahrten reduziert werden, die in der Regel per Taxi erfolgen, da die Betroffenen aufgrund von Medikation und Abwehrschwäche zumeist weder öffentliche Verkehrsmittel noch das eigene Auto nutzen können“, sagt Dr. Jan Moritz Middeke von der Medizinischen Klinik I des Uniklinikums Dresden und Forschungsgruppenleiter am Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Digitale Gesundheit (EKFZ).

Die AOK Plus begleitet das Projekt aktiv und stellt Abrechnungsdaten zur Verfügung. Alle Auswirkungen des Projektes auf den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der teilnehmenden Patientinnen und Patienten sowie die entstehenden Kosten werden kontinuierlich durch das Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) der Hochschulmedizin Dresden erfasst und evaluiert. Bei positiver Evaluation soll die im Projekt vorgeschlagene Versorgungsform dauerhaft in die Regelversorgung überführt werden. Das Konsortialprojekt wird aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) mit 4,1 Millionen Euro gefördert.

Erste Patientin am Uniklinikum wird über SPIZ versorgt

Als eine der ersten Patientinnen wurde Elke Hartwig am Uniklinikum Dresden in das Programm aufgenommen. 2019 bekam die heute 60-Jährige die Diagnose Multiples Myelom. Hartwig ließ damals bei ihrem Arzt heftige Rippen- und Rückenschmerzen abklären, eine Untersuchung im MRT zeigte schließlich den Tumorbefall ihres Skeletts. Daraufhin wurde sie ans Uniklinikum überwiesen. „Das war ein großer Glücksgriff für mich“, sagt Elke Hartwig heute. Zunächst erfolgte eine Behandlung mittels Stammzelltransplantation, doch der Krebs kam zurück. Inzwischen zeigten andere, innovative Zelltherapien gute Erfolge. „In diesem Bereich hat sich in den vergangenen ein, zwei Jahren unheimlich viel getan“, sagt Dr. Katharina Egger-Heidrich, Fachärztin für Innere Medizin. Zwar sei ein Multiples Myelom anders als etwa akute Leukämie nicht heilbar. „Wir haben mit den neuartigen Zelltherapien aber gute Remissionen erreicht.“

Zurück