Corona und die Pflege – Denkanstöße für die Zeit danach

Fragen der Pflege sind immer auch Fragen danach, wie eine Gesellschaft mit dem Leben, Krankheiten, dem Alter und den Tod umgeht. Die Pflegewissenschaft bringt zum einen die aus ihrer Perspektive bedeutsamen Themen in den Diskurse ein, zum anderen hat sie die Aufgabe, deren wissenschaftliche Bearbeitung durch Theorie- und Methodenentwicklung voranzutreiben. Die von ihr generierten wissenschaftlichen Ergebnisse sollen somit auch die (fach-)politischen und gesellschaftlichen Diskussionen befördern. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten Verena Breitbach und Hermann Brandenburg mit ihrem Buch ‚Corona und die Krise‘, das im Rahmen der ‚Vallendarer Schriften der Pflegewissenschaft‘ erschienen ist. Die Corona-Krise habe die Chance geboten, auch über christliche Werte, Begriffe wie Solidarität, Nächstenliebe oder Dankbarkeit neu nachzudenken und die Wichtigkeit von guter Pflege auf eine neue systemrelevante Bedeutungsebene zu heben, so die Herausgeber. Auch sei deutlich geworden, dass im Bereich der Pflegewissenschaft Geduld und das Mitwirken vieler Disziplinen erforderlich ist, um sich auf neue Herausforderungen einzustellen.

Das Buch unterteilt sich in vier Teilbereiche. Im ersten Teil geht es um eine grundlegende Reflexion der Sichtweisen und die Erweiterung der Blickrichtung auf angrenzende Wissenschaften. Philosophen, Ethiker, Soziologen und Theologen kommen zu Wort und nehmen Bezug auf die Pflege. Im zweiten Teil stehen gesellschaftsbezogene historische und aktuelle Analysen Vordergrund. Der dritte Teil fokussiert auf pflege- und versorgungswissenschaftliche Studien, wobei das Spektrum von der Krankenhauslandschaft bis zu den Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung reicht. Den Abschluss bilden Gedankenimpulse von Studierenden der beiden Fakultäten Theologie und Pflegewissenschaft der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, die ihre persönlichen und fachlichen Erfahrungen und Hintergründe im ‚Zusammenhang mit der Corona-Krise reflektieren.  Zahlreiche Expert:innen kommen zu Wort und bringen ihre Expertise ein.

„Es ist wichtig, die Corona-Pandemie aus der Perspektive verschiedener Disziplinen zu betrachten. Denn eine ‚Lösung‘ kann letztlich nur gesellschaftlich verantwortet und nicht aus der Logik einer Disziplin, z. B. der Medizin, begründet werden“, so die Herausgeber. Aus multiperspektivischer Sicht (philosophischer, soziologischer, ethnologischer, theologischer und pflegewissenschaftlicher) wirft das Buch einen Blick auf die Corona-Pandemie und ihre langfristigen Folgen sowie auf die sich daraus ergebenden Bedarfe.

„Wir haben die Pflegefachkräfte in der Corona-Krise zweimal im Stich gelassen: In der ersten Welle haben sich viele im Dienst am Menschen infiziert, weil Masken, Schutzkleidung und Konzepte fehlten. Viele von ihnen leiden bis heute unter Long Covid, was nicht als Berufskrankheit anerkannt ist. Wenn wir weiter so ignorant mit der größten und wichtigsten Gruppe im Gesundheitswesen umgehen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie uns jetzt und erst recht in Zukunft überall fehlt. Mit meiner Stiftung Humor Hilft Heilen machen wir seit Jahren Workshops für die Pflege, um die seelische Gesundheit für Pflegekräfte zu stärken. Dieses Buch ist wichtig, weil es auf dieses Dilemma aus verschiedenen Perspektiven hinweist und Lösungen aufzeigt“, sagt Dr. Eckart von Hirschhausen, Gründer der Stiftung Humor Hilft Heilen, die sich seit 2008 für mehr Menschlichkeit in der Medizin einsetzt. Das vorliegende Buch gibt dazu Anstöße. Es verdeutlicht, wie wichtig es ist, auf die seelische Gesundheit der Pflegenden zu achten, ihnen Orientierung zu geben und Strategien zu finden, wie verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen ist.

Verena Breitbach, Hermann Brandenburg: Corona und die Pflege. Denkanstöße – die Corona-Krise und danach. Springer-Verlag GmbH. ISBN 978-3-658-34044-5. 69,99 Euro.

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