Gezieltes Video-Training mit Smart Glasses auf der Neugeborenen-Intensivstation

Die Kontaktbegrenzungen während der Covid-19- Pandemie führen unweigerlich zu einem Rückgang des Unterrichts am Krankenbett für medizinisches Personal und Studierende. Um die notwendige praktische Unterstützung bei der Ausbildung zu bieten, setzte ein wissenschaftliches Team unter der Leitung des Wiener Neonatologen PD Dr. Michael Wagner proaktiv auf die Erprobung neuer Technologien: Mit der Eye-Tracking-Datenbrille „VPS 19“ führte das Team Video-basierte Trainings und Live-Streamings bei neonatalen Eingriffen durch.

Umgesetzt wurde die Studie während eines Auslandsaufenthalts auf der Neugeborenen-Intensivstation (NICU) des Leiden University Medical Center. Über einen Zeitraum von drei Monaten (Sept. - Nov. 2020) wurden mit der Datenbrille zwölf Eye-Tracking-Aufzeichnungen von Eingriffen bei zehn Neugeborenen aufgenommen, wie zum Beispiel einer neonatalen Intubation, einer minimal-invasiven Surfactant-Therapie und des Legens von Kathetern. Mit diesen Aufnahmen konnten neun videobasierte Besprechungen mit dem neonatologischen Team mit insgesamt 88 Teilnehmer:innen durchgeführt werden. Die Schulungsvideos wurden zudem online gestreamt, damit auch die Mitarbeiter:innen im Home Office die Eingriffe verfolgen konnten. Insbesondere die durch Eye-Tracking ermöglichte Anzeige des Blickpunkts des Durchführenden erwies sich dabei als sehr nützlich.

„Die Eye-Tracking-Technologie ermöglicht es den Auszubildenden, Eingriffe unmittelbar aus der Perspektive des durchführenden Experten nachzuvollziehen. Sie identifizieren sofort die während des Eingriffs kritischen Bereiche und prägen sich die Blickmuster des Experten ein. So können der klinische Denkprozess während der Aufgabenerfüllung nachvollzogen und Strategien für erfolgreiche Eingriffe erlernt werden“, erklärt Studienleiter Michael Wagner.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Die Durchführenden der Eingriffe empfanden das Tragen der Datenbrille als praktisch und nicht störend. Sie berichteten über keinerlei Unbehagen im Zusammenhang mit der Brille, auch nicht von Leistungsveränderungen. Keine/r setzte die Eye-Tracking-Brille während der Eingriffe ab.
  • Die Auszubildenden berichteten, dass die Eye-Tracking-Videos für sie einen pädagogischen Nutzen darstellen. Sowohl die Teilnehmer:innen der videobasierten Trainings-Sessions als auch die Online-Beobachter:innen bewerteten die aus der Ich-Perspektive des Durchführenden am Krankenbett aufgenommen Videos und Streamings als lehrreiche Erfahrung. Die Anzeige des Blickpunkts im Video gab ihnen die Möglichkeit, die für den Eingriff kritischen Bereiche sofort zu identifizieren und von der visuellen Aufmerksamkeit der Expert:innen zu lernen.

„Mit der Studie konnten wir die Praxistauglichkeit der verwendeten Datenbrille und den durch das Eye-Tracking gebotenen pädagogischen Mehrwert nachweisen“, so Michael Wagner. „Derartige innovative Technologien haben das Potenzial, medizinisches Personal auch unabhängig von der Pandemie-Situation in noch mehr Verfahren direkt am Krankenbett einzubeziehen und entscheidende Lücken beim Erlernen neonataler Verfahren und Eingriffe zu schließen.“

Für die Eye-Tracking-Videos und Streamings wurde die CE-zertifizierte Eye-Tracking-Brille VPS 19 von Viewpointsystem verwendet. Die Brille hat binokulare Eye-Tracking-Kameras, die in Echtzeit die Ich-Perspektive und das Blickverhalten des Trägers oder der Trägerin erfassen. Die Frontkamera zeichnet das Sichtfeld in Full High Definition auf. Die Brille wiegt 43 g. Mit der zum System gehörenden Smart Unit, einem Mini-Computer, können die Videos aufgezeichnet, gestreamt und ausgewertet werden.

Bild: Eye Tracking-Video, in dem der weiße Kreis den visuellen Fokus des durchführenden Experten anzeigt.

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