UKGM: Neueste Neurostimulationstechnik im Einsatz

Prof. Dr. Malgorzata Kolodziej implantiert am Universitätsklinikum Gießen seit November 2023 den bislang modernsten Neurostimulator zur Behandlung chronischer Schmerzen. Das Gerät passt seine Wirkung kontinuierlich an.

v.l.: Dr. med. Patrick Schwarm, Prof. Malgorzata Kolodziej und Domenico De Paolis. ©Rhön-Klinikum/Christine Bode


In der Neurochirurgie des Universitätsklinikums Gießen werden seit November 2023 als einer der ersten Kliniken europaweit Neurostimulatoren der neuesten Generation implantiert. Es sind die ersten Geräte dieser Art, die ihre Wirksamkeit kontinuierlich den Bewegungen und Aktivitäten des jeweiligen Patienten anpassen und damit chronische Schmerzen effektiver lindern können.

Prof. Dr. Malgorzata Kolodziej, Leiterin Schmerztherapie und Neuromodulation, hat weitreichende Erfahrungen mit dieser Therapieform. Seit 20 Jahren implantiert sie bereits Neurostimulatoren: „Wir haben hier in der Gießener Neurochirurgie eine breite Palette an Verfahren für die Neurostimulation, so dass wir Patientinnen und Patienten individuell beraten können, was für sie und ihre spezielle Situation am besten funktioniert. Insgesamt zeigt unsere Erfahrung, dass die Neurostimulation den Betroffenen deutliche Schmerzlinderung und ein Plus an Lebensqualität bringen kann. Deshalb war es uns auch wichtig, dass wir als eine der ersten Kliniken nun auch den neuesten Neurostimulator im Einsatz haben, der unseren Patientinnen und Patienten weitere Vorteile bringt.“

Für die Neurostimulation wird ein kleines Gerät (Neurostimulator) unter der Haut eingesetzt und mit dünnen Elektroden verbunden, die entweder in der Nähe des Rückenmarks liegen oder an peripheren Nerven, die außerhalb des Gehirns oder des Rückenmarks verlaufen. Über die Elektroden werden schwache elektrische Impulse an die Nerven im Bereich der chronischen Schmerzen abgegeben. Diese Impulse überlagern die eigentlichen Schmerzsignale und werden im Gehirn stattdessen als angenehmes Kribbeln wahrgenommen. Mit einer Fernbedienung können die Patienten die voreingestellte Stärke der Impulse von außen verändern oder abschalten.

Im Gegensatz zu anderen Modellen können die jetzt eingesetzten Geräte die Stärke der elektrischen Impulse automatisch an die Bewegungen und Aktivitäten des Patienten anpassen. Dazu misst der Neurostimulator die Schmerzsignale 50 mal pro Sekunde und nutzt Bewegungssensoren. Rücken die Elektroden beispielsweise beim Sitzen oder Bücken näher an das Rückenmark, werden normalerweise die Impulse verstärkt, vergrößert sich der Abstand wieder, werden sie schwächer. Hier konnte der Patient bislang mit seinem Handsteuergerät von außen gegensteuern. Dies ist nun nicht mehr nötig, da der Neurostimulator solche Bewegungen registriert und entsprechend nachsteuert. „So können wir erstmals sicherstellen, dass sich die Stimulation und damit die Schmerzausschaltung oder Reduzierung 24 Stunden im sogenannten therapeutischen Fenster bewegt. Das heißt, die Patienten bekommen automatisch die optimale Stimulation“, so Kolodziej. Der neue Stimulator hat eine Batterie-Lebensdauer von mindestens 15 Jahren, bislang musste diese nach zirka neun Jahren ausgetauscht werden. Aufgeladen wird die Batterie per Induktion. Das kann bequem beispielsweise beim Lesen oder Fernsehschauen erfolgen, indem das externe Ladegerät von außen mit einem Stretchgürtel auf den Neurostimulator gesetzt wird, der sich unter der Haut am unteren Rücken oder im Bauchraum befindet. Es ist zudem das erste Gerät, das nicht nur für ein Kopf-MRT (Magnetresonanztherapie) sondern auch für Ganzkörper-MRT-Untersuchungen unter bestimmten Bedingungen geeignet ist.

Zum Einsatz kommt das etwa vier mal vier Zentimeter große und nur sechs Millimeter starke Gerät bislang für die Rückenmarkstimulation und wirkt gegen chronische Bein- und Rückenschmerzen, nervenbedingte Armschmerzen, aber auch bei Neuralgien (Nervenschmerzen), die beispielsweise nach einer Herpes Zoster-Virusinfektion auftreten können.

Zur Implantation des Stimulators ist nur ein kurzer Krankenhausaufenthalt nötig. Die Operation erfolgt minimalinvasiv mit kleinen Hautschnitten und dauert etwa 20 Minuten. Sie kann in Vollnarkose aber auch mit örtlicher Betäubung erfolgen. Der Eingriff wird von den Krankenkassen bezahlt.

Seit der Premiere in der Gießener Neurochirurgie im vergangenen November hat Kolodziej bereits fünf Neurostimulatoren der neuesten Generation implantiert: Sie weist darauf hin, dass die Ergebnisse in mehreren Studien wissenschaftlich belegt worden seien und sich eine deutliche Linderung der Schmerzen und eine Zunahme der Lebensqualität und Unabhängigkeit der Patienten gezeigt habe.

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